Schweiz – LKW 1919 – 1945

Allgemeine Gesamtstatistik:

 Auch hier gibt es eine Statistik, veröffentlicht in verschiedenen Jahrgängen von „Tatsachen und Zahlen aus der Kraftverkehrswirtschaft“ für die Zeit 1926-37. Woher diese Zahlen ursprünglich stammen, bleibt ein Geheimnis des VDA. Aus der Tatsache, daß keine krummen Zahlen auftauchen, schließe ich jedoch, daß es sich um geschätzte Angaben handelt.
Weiter fällt auf, daß die Statistik in keiner Weise mit den tatsächlich ausweislich der Firmenchroniken gefertigten Fahrzeugen korreliert. So gibt die Statistik für 1925 insgesamt 450 produzierte LKW an, während allein Saurer 476 Fahrzeuge gefertigt haben soll. Andererseits können in der Schweiz 1929 niemals 2.850 LKW gefertigt worden sein: Für Saurer wird die Produktion dieses Jahres mit 689 Fahrzeugen angegeben, Berna soll 128 Stück gefertigt haben, und die Produktion der übrigen Schweizer Firmen war damals völlig unbedeutend. Möglicherweise handelt es sich bei den Zahlen dieser Zeile nicht um Produktions-, sondern um Zulassungszahlen?
Literatur: Siehe Schweiz, Einführung. Spezielle Literatur zur Geschichte einzelner Marken findet sich in der Spalte „Bemerkungen“.

 Schweiz, LKW 1919 – 1945, Tabelle

Die einzelnen Automobilmarken:

Arbenz / Oetiker, Albisrieden – Zürich: Herstellung von LKW ab 1904. Infolge starker Kriegsproduktion und einer dagegen sehr geringen Nachkriegsfertigung mußte die Firma Arbenz 1922 Konkurs anmelden. Sie wurde von Oetiker übernommen.
Eine vollständige Typenübersicht und jeglicheProduktionszahlen fehlen, sodaß wir auf Schätzungen angewiesen sind:
Oetiker fertigte in den Zwanzigerjahren weiter LKW in bescheidenem Umfang, man beschäftigte zunächst 37, später maximal 100 Arbeiter, üblicherweise also weniger. Zum damaligen Zeitpunkt kam im LKW-Bau auf zwei Arbeiter im Jahr vielleicht ein fertiggestellter LKW, infolgedessen ist von üblicherweise etwa 15 bis 20 und einem Maximum von 50 LKW pro Jahr anzunehmen.

Berna, Olten: Produktion ab 1902. Berna hielt viele Jahre hinter Saurer den zweiten Platz, stellte aber in den Dreißigerjahren eine eigene Motoren-Produktion völlig ein, verwendete nur noch Saurer-Motoren  und wurde damit zu einem reinen Karosseriebaubetrieb. Eine vollständige Typenliste fehlt, ebenso fast jegliche Zahlen zur Produktion.1928 baute Berna insgesamt 128 LKW, ich habe daher die Jahresproduktion als etwa ¼ derjenigen von Saurer geschätzt. Dies gilt umso mehr, als Berna in den Dreißigerjahren mehr oder weiger von Saurer übernommen wurde und es letztlich im Belieben der Firma Saurer lag, welche LKW sie unter dem Namen Saurer, und welche sie unter dem Namen Berna vertrieb.

FBW (Franz Brozincevic Wetzikon): Meist Fahrzeuge mit Spezialaufbauten für kommunale Zwecke als Einzelstücke oder in sehr kleinen Stückzahlen. Es gibt in der Firmengeschichte zwar Gesamtstückzahlen zu den einzelnen Typen, jedoch über derart lange Produktionszeiträume verteilt, daß das Abschätzen für einzelne Jahre ähnlich zu behandeln ist wie die Zukunftsdeutung durch Kaffeesatz-Lesen.
Hinzu kommt, daß ich mir nicht vorstellen kann, daß z.B. die Typen A,FA und AR unverändert in kleinsten Stückzahlen von 1919 bis 1965 gefertigt worden sein sollen: Entweder liegt hier ein Druckfehler vor, oder die Typen wurden in regelmäßigen Abständen verbessert, indessen die Typenbezeichnung nicht geändert: Auch der Volkswagen „Käfer“ von 1978 hatte fast kein Teil mehr mit dem von 1938 gemeinsam.
In jedem Fall ergibt sich eine Jahresproduktion von durchschnittlich 50 Stück oder weniger, selten darüber.

Schweiz, LKW 1919 – 1945, Tabelle

Martini, St.Blasien: Die LKW-Produktion bei Martini dürfte geringer als die ohnehin schon schwache PKW-Fertigung und damit unbedeutend gewesen sein. Sie umfaßte Leicht-LKW und Lieferwagen auf  PKW-Basis. Die Typenaufzählung dürfte unvollständig sein, eine Schätzung abzugeben habe ich mich nicht getraut. Es mögen 50 Stück im Jahr gewesen sein – oder mehr? Da die Firmenunterlagen angeblich den Weg alles Irdischen gegangen sind, wird die Frage wohl nie mehr zu klären sein.

Oetiker: Siehe Arbenz

Saurer, Arbon: Die wohl bekannteste und langlebigste Schweizer Automobilmarke. Das Firmenarchiv scheint mehr oder weniger erhalten geblieben zu sein, wartet aber noch der Aufarbeitung. Die Zahlenangaben zur Produktion sind daher nur sporadisch, ein vollständiges Typenregister fehlt: Hierbei wird nicht verkannt, daß bei LKW-Firmen mit ihren zahlreichen Sonderkonstruktionen und Untertypen (verschiedene Motoren, verschiedene Radstände, verschiedene Nutzklassen, Hoch- und Niederrahmen, Frontlenkerund Haubenfahrzeug) eine vollständige Typenliste den Gesamtüberblick eher verwirrt als erhellt: Als „abschreckendes“ Beispiel sei auf die Typenübersicht bei der Firma Panhard in der Zwischenkriegszeit (Frankreich, LKW 1919 – 45) hingewiesen.
Saurer fertigte 1919 bis 1920 noch einige ihrer Vorlriegstypen, ich habe diese Zahl mit insgesamt 425 Stück geschätzt.
In den Zwanzigerjahren bestimmten zunächst die „A-Typen“ das Bild: LKW mit 2, 3, 4 und 5 to Nutzlast, bei denen nach Wahl des Kunden Motoren von 32, 40 oder 48 PS eingebaut werden konnten: Dieses Baukastensystem sicherte eine gewisse Serienfabrikation und hielt so die Preise niedrig. Die Motorleistungen wurden 1927 auf  42 bis 62 PS angehoben, die Produktion der A-Typen endete 1930. Von den A-Typen wurden insgesamt 2.680 Stück hergestellt, die Zahl der vor 1919 gefertigten A-Typen schätze ich auf 100. Anfang der Zwanzigerjahre muß es infolge großer LKW-Bestände aus dem 1. Weltkrieg allen Schweizer LKW-Firmen schlecht gegangen sein: Die Firma Arbenz meldete Konkurs an, und in allen Firmengeschichten wird über die schlechte Auftragslage geklagt. Es ist daher nicht unangemessen, die Jahresproduktion 1922 bis 1923 sehr gering anzunehmen.
1927 wurden die B-Typen eingeführt, LKW mit 2 bis 7 Tonnen Nutzlast, ebenfalls mit mehreren Motoren zur Auswahl, darunter ab 1928 (und damit recht früh) bereits Dieselmotoren. Die von mir aufgestellte Typenliste ist sicher unvollständig und teilweise nur über Lizenzproduktion im Ausland erschlossen. Gefertigt wurden von 1925 bis 1943 insgesamt 2.730 Kraftfahrzeuge. Da der Typ erst 1927 eingeführt wurde, können die davor gebauten eigentlich nur Prototypen gewesen sein. Die Jahresproduktion muß zum Schluß sehr gering gewesen sein und hat sich möglicherweise auf den Siebentonner 6BUD beschränkt.
Ab 1934 löste der C-Typ allmählich den B-Typ ab. Auch hier ist die von mir aufgestellte Typenliste sicher unvollständig und teilweise nur über Lizenzproduktion im Ausland erschlossen. Gefertigt wurden von 1934 bis 1966 insgesamt 11.761 LKW des C-Typs.
Ferner gab es für die Schweizer Armee zwei Spezialkonsruktionen: Den von 1941 bis 1945 in 354 Exemplaren gebauten LKW M6 (6×6) und den ab 1943 gebauten M8 (8×8), von dem 79 Stück bis 1945 entstanden.
Die Gesamtjahresproduktion ist für die Jahre 1919, 1921, 1925 und 1929 angegeben. Ferner gibt es bei Wipf ein Diagramm, von dem sich die Zahl der insgesamt in Arbon (wie auch in Suresnes) gebauten LKW von 1937 bis 1945 ungefähr ablesen läßt. Anhand dieses Diagramms konnte ich nach Abzug der vermutlich noch gebauten B-Typen und der Armeefahrzeuge die von 1937 bis 1945 gebauten C-Typen schätzen, wobei vor allem unklar bleibt, ob die Armee-LKW in den Zahlen des Diagramms enthalten sind. Ich habe mich dafür entschieden: Bei ihrer Herstellung mag die Jahresproduktion der Geheimhaltung unterlegen haben, das Diagramm wurde indessen 2003 veröffentlicht, und da mußte nicht mehr geheim bleiben, wieviele LKW 1939-45 an die Armee gingen (zumal auch „normale“ Saurer-LKW an das Heer gelifert worden sein dürften).
Zum Schluß sei darauf hingewiesen, daß wohl kaum eine Automobilmarke so viele Zweigwerke führte und Lizenzen vergab wie Saurer:
1910 – 58 in Suresnes bei Paris (Frankr.),
1909 – 18 in Plainsfield (USA)
1906 – nach 1945: Wien (Österreich)
1935-39 in Polen
Lizenzbauten entstanden bei MAN (1915 bis ca. 1920) und OM in Italien ab ca.1931.

S.L.M,( Schweizerische Locomotiven- und Maschinen-Fabrik), Winterthur: die Produktion von SLM ist als einzige zahlenmäßig halbwegs erfaßt, beschränkte sich auf einige wenige im kommunalen Bereich eingesetzte Fahrzeuge (Müllwagen)  und war völlig unbedeutend. Hinzu kommt eine auch nicht sehr zahlreiche Produktion von Dreirad-Traktoren (siehe „Schweiz, Sonstige“).