Belgien – LKW und Sonstige 1919-45

Allgemeine Gesamtstatistik:

Eine Statistik aller in Belgien gebauten LKW ist mir nur für die Zeit 1923-37 bekannt. Diese stimmt indessen mit den tatsächlich nach anderen Unterlagen gebauten LKW nicht überein: So sollen z.B. 1931 im ganzen Jahr 300 LKW produziert worden sein, während bereits die allein von der Firma Minerva 1931 gebauten LKW ca. 300 Stück umfassen. Offen bleibt, ob diese Statistik die an das Militär gelieferten Fahrzeuge mit umfaßt.
Die literarischen Quellen zu den einzelnen Firmen sind unterschiedlich. Dort, wo die Publikationslage es zuließ, habe ich mir eine Schätzung erlaubt, sonst sie weggelassen. alles in allem ist die Tabelle ist bislang in vieler Hinsicht ein Torso.
Wie auch bei den PKW, stagnierte in den Zwanzigerjahren der heimische belgische LKW-Bau bzw. war rückläufig.
Auffällig ist der große Anteil an verwendeten Fremdmotoren: zunächst aus Frankreich, später den USA, Dieselmotoren auch aus Großbritannien (Gardner) und Deutschland (MAN, Deutz).
In den Dreißigerjahren entstanden Montagewerke der US-amerikanischen Firmen General Motors/Chevrolet, Ford und Dodge. Bei den Produkten dieser Firmen handelt es sich aber um Montage anderswo bereits hergestellter Baugruppen, nicht um originäre Herstellung.
Auffällig ist das Fehlen jeglicher Traktorfirmen: Lediglich die Firma Doyen versuchte sich 1926 mit dem Bau eines Traktors mit Lanz-Glühkopfmotor: Ob er je in Serie ging, ist nicht bekannt. Einerseits sind auch im Nachbarland Frankreich Traktorfirmen vor 1945 selten, weil möglicherweise große Bauernhöfe, die den Einsatz eines Traktors rentabel machen, fehlten. Andererseits mag auch das Angebot aus dem Ausland, insbesondere den USA, so überwältigend gewesen sein, daß sich demgegenüber eine heimische Traktorfertigung nicht hätte durchsetzen können.
Generell sind die Publikationen zu den Firmen  –wie häufig bei LKW-Firmen- nicht allzu aufschlußreich. Ausgenommen hiervon sind Beschreibungen von Typen, die nur für das Militär entwickelt und hergestellt wurden. Ob das daran liegt, daß hier neben (möglicherweise verschwundenen) Firmenunterlagen auch noch die Akten der mit der Beschaffung befaßten militärischen Dienststellen vorliegen, die zudem als Unterlagen einer öffentlichen Dienststelle leichter einsehbar sind, oder ob es daran liegt, daß hier einfach ein besonders großer Interessentenkreis vorhanden ist und sich entsprechend kümmert, vermag ich nicht zu beurteilen.

Literatur: Siehe Belgien, Einführung. Spezielle Literatur zur Geschichte einzelner Marken findet sich in der Spalte „Bemerkungen“.

Belgien, LKW und sonstige Kraftfahrzeuge 1919 – 1945 – Tabelle

Die einzelnen Firmen:

Altona, Antwerpen: Ein Dreirad-Lieferwagen mit mir unbekannten Motordaten, gebaut von 1938-40. Die Produktion kann kaum höher gewesen sein als angenommen: Im Sept.1939 brach der Krieg aus und bewirkte, daß auch im damals noch neutralen Belgien für zivile Beschaffungen von Neuwagen wie auch das zu ihrem Betrieb nötigen Benzins Beschränkungen auferlegt wurden, und im Mai 1940 erfolgte mit der Besetzung Belgiens das Ende der Produktion von Autos für den Zivilbedarf. Offen bleibt, inwieweit in Belgien Lastendreiräder zu den LKW zählten.

Auto-Traction, Antwerpen: Gebaut von 1920-25, vor allem eine nach Lizenzen von Chenard-Walcker konstruierte Straßenzugmaschine. Die Firma kam 1925 zu Minerva. Keine Modellpalette, keine Stückzahlen.

Bovy, Brüssel: Produktion von LKW schon in der Vorkriegszeit. Schloß sich 1930-1 mit Brossel und Pipe zu einem Firmenkonsortium zusammen. Keine Typenliste, keine Stückzahlen. Letztere müssen immer sehr gering (unter 100 im Jahr,?) geblieben sein.

Brossel, Brüssel. Herstellung von LKW schon in der Vorkriegszeit. Schloß sich 1930-1 mit Bovy und Pipe zu einem Firmenkonsortium zusammen. Keine Typenliste, keine Stückzahlen. Letztere müssen immer sehr gering (unter 100 im Jahr,?) geblieben sein. Einzig detailliert erwähnt ist der militärisch als Artillerieschlepper genutzte Typ TAL.

BZA, Antwerpen: Bauzeit 1939-40, „einige“. Der Bau mag irgendwann im Laufe des Jahres 1939 begonnen haben, in jedem Fall war er im Mai 1940 mit der Besetzung Belgiens beendet.  Damit dürften es zwischen 10 und 20 Stück gewesen sein, mehr nicht, zumal die Marke neu war und der Motor eine eigentümliche Konstruktion hatte, an denen sich die Erfinder mehr begeisterten als die Nutzer.

Dasse, Verviers: LKW-Herstellung schon in der Vorkriegszeit. In den Zwanzigerjahren spezialisierte man sich auf leichte und schnelle LKW und Busse, also mit relativ starken Motoren, letztere von Lycoming (USA). 1936 (oder schon 1932?) wurde der Bau eingestellt.

Denonville, Brüssel: Produktion 1937-40, ca. 80 Stück aller Typen, Nutzlasten von 5-10 to, damit schwere und schwerste LKW. Der Zehntonner wird nur in ganz geringen Stückzahlen gebaut worden sein – LKW dieser Gewichtsklasse waren damals sehr selten. Im Anlaufjahr 1937 wird die Produktion gering gewesen sein, ebenfalls 1940, als nach Mai jegliche Produktion aufhörte.

F.N., Herstal: Herstellung von Nutzfahrzeugen schon in der Vorkriegszeit. Die Quellenlage ist leidlich. Die leichten LKW und Lieferwagen auf PKW-Fahrgestellen könnten in der offiziellen Statistik bei den PKW mitgezählt sein. Ebenso bleibt offen, ob die ab 1932 unter Verwendung von Motorradteilen gebauten Dreirad-Lieferwagen bei den LKW oder bei den Motorrädern mitgezählt wurden, Gleiches gilt für das nur vom Militär gebrauchte und in 330 (oder 400 – 500?) Exemplaren gelieferte Tri-Car.

Gillet, Herstal: Diese Motorradfirma baute 1928 und 1929 Lastendreiräder. Die Produktion scheint sich nicht gelohnt zu haben, sonst wäre sie nicht wieder eingestellt worden. Ich habe 25 Stück, verteilt auf zwei Jahre, geschätzt. Offen bleibt, inwieweit in Belgien Lastendreiräder zu den LKW zählten.

Gonthier, Lüttich: Die Firma begann 1919 mit dem Bau von Nutzfahrzeugen, wann die Produktion endete, konnte ich nicht herausfinden. Angeboten wurde eine Palette von Lastwagen mit 1,5 bis 5 to Nutzlast. Über Stückzahlen liegt nichts vor.

Belgien, LKW und sonstige Kraftfahrzeuge 1919 – 1945 – Tabelle

H.M.W.( Hubert-Marcel Willems), Antwerpen: Die Firma baute von 1936 bis 1940 Busse auf Bestellung. Daten und Stückzahlen liegen nicht vor – mehr als 5 bis 10 LKW pro Jahr werden es nicht gewesen sein.

Latil, Brüssel: 1929 gegründetes Zweigwerk der gleichnamigen französischen Firma. Erwähnt wird der Bau von Müllwagen. Inwieweit es Lizenzproduktion oder nur Montage war und welchen Umfang die Herstellung hatte, bleibt offen.

Liberty, Menin: Das 1920 geschaffene Unternehmen beschäftigte sich bis 1929 mit der Überholung von Liberty-Militär-LKW, die die Amerikaner 1919 im Lande zurückgelassen hatten, insoweit fand also eine eigene Produktion nicht statt. Ab 1930 begann der Bau schwerer LKW mit zunächst amerikanischen Benzin-, später deutschen (Deutz) oder amerikanischen (Hercules) Diesel-Motoren. Produktionszahlen liegen nicht vor, die Jahresproduktion dürfte immer gering geblieben sein (ca.50/Jahr?)

Magistral, Brüssel: War ein LKW mit 3,5 oder 5,5 to Nutzlast, zusammengebaut aus verschiedenen gelieferten US-Teilen („collected car“) von 1938 bis 1940. Weitere Angaben, auch zum Produktionsumfang, liegen nicht vor: Viel mehr als 50 Stück insgesamt können es aber eigentlich nicht gewesen sein.

MATECO, Brüssel: Stellte von etwa 1926 bis 1930 LKW und Zugmaschinen, vermutlich in mehreren Varianten, mit Holzgas-Generator speziell für den Gebrauch in Belgisch-Kongo her: Dort war zwar Holz in Mengen vorhanden, Benzin mußte jedoch mühsam herangeschafft werden. Über den Produktionsumfang ist nichts bekannt: Waren es 10, 20 oder 50 Stück?

Miesse, Brüssel: Die Firma, die bis 1925 teilweise noch PKW produzierte, spezialisierte sich dann auf Produktion von Nutzfahrzeugen (Spezialfahrzeuge als Einzelexemplare oder kleine Serien). Ab 1932 baute man Gardner-Dieselmotoren ein, ebenso Doppelkolbenmotoren von Junkers, die die Firma CLM in Lille (Nordfrankreich) in Lizenz baute. 1938 kam die Montage von Mack-LKW (USA) dazu. Die Stückzahlen waren immer klein und werden im hier behandelten Zeitraum wohl immer unter 100 pro Jahr geblieben sein.

Minerva, Antwerpen: Die Firma hatte schon 1913-14 LKW gebaut, aber 1919 sich zunächst auf PKW-Produktion beschränkt. Erneut widmete man sich dem Nutzfahrzeug-Bau, als 1925 die Firma Auto-Traction erworben wurde. Gleichwohl blieb die Herstellung von LKW zunächst ein Nebengeschäft, im Jahr 1931 sollen 300 Stück gefertigt worden sein. Erst als man 1935 den PKW-Bau aufgab, wurde die Herstellung von LKW Hauptgeschäft bei Minerva. Die Typenliste ist sicher unvollständig, über Stückzahlen liegt eigentlich nichts vor, sodaß daher weitere Angaben zur Produktion nicht gemacht werden können.

Pipe, Brüssel: Produktion von LKW von1920 bis 1931, dann Zusammenschluß mit Bovy. Keine Typenliste, keine Stückzahlen. Letztere müssen immer recht gering (unter 100 im Jahr,?) geblieben sein.

Piret, Brüssel: Die Firma baute 1937 Siebentonner-LKW aus US-Teilen zusammen. waren es 5 oder 10 Stück – oder nur ein Einzelexemplar?

Belgien, LKW und sonstige Kraftfahrzeuge 1919 – 1945 – Tabelle

Rangheno, Mecheln: Die Firma erwarb 1923 eine Lizenz zum Bau von LKW von De-Dion. Ob sie diese Produktion nach 1923 fortsetzte, wie lange und in welcher Stückzahl, wissen wir nicht. Ab 1930 bis ca.1940 widmete man sich der Herstellung von Bussen. Typenliste und Stückzahlen nicht bekannt.

Spiegel, Antwerpen: 1931 bis 1940 Produktion von Dreirad-Lieferwagen mit FN-Motorrad-Motor. Typenliste und Stückzahlen nicht bekannt. Offen bleibt, inwieweit in Belgien Lastendreiräder zu den LKW zählten.

SDS, Antwerpen: Herstellung von LKW, Bussen, Sattelschleppern 1938-40 aus britischen und US-Komponenten. Typenliste und Stückzahlen nicht bekannt.

Willens, Antwerpen: Produktion ab 1935, Einzelexemplare auf Bestellung – meist der Stadtverwaltung Antwerpen für den kommunalen Gebrauch. Stückzahlen nicht bekannt.

Montagewerke:

Chevrolet/GM, Antwerpen: Ab einem unbekannten Zeitpunkt in den Dreißigerjahren bestand eine Montagefabrik in Antwerpen. Über die Anzahl der jährlichen Fahrzeuge ist nichts bekannt.

Dodge, Antwerpen: Ab einem unbekannten Zeitpunkt in den Dreißigerjahren (oder schon seit 1926?) bestand eine Montagefabrik in Antwerpen. Über die Anzahl der jährlichen Fahrzeuge ist nichts bekannt.

Ford, Antwerpen: Montagewerk ab ca. 1931, spätestens seit 1933. Zunächst wurde der Typ BB in unbekannter Stückzahl montiert, 1935 abgelöst durch den Dreitonner V8, dessen Montage bis Kriegsende lief. Ab 1940 kamen die Teile dazu aus Köln, ab Juni 1940 ist die jährliche Produktion gut dokumentiert. 1939-40 wurde auch die Eintonner-Version des V8 hergestellt, ferner im Frühjahr 1940 von einem gepanzerten Allrad-Fahrzeug für Stabs- und Kommandozwecke 68 Stück.

Belgien, LKW und sonstige Kraftfahrzeuge 1919 – 1945 – Tabelle

Traktoren:

Doyen in Haren bei Brüssel, eine Firma, die sonst landwirtschaftliches Gerät produzierte, fertigte 1926 einen „Dubois Poly-Cultivator“ genannten Traktor mit Lanz Glühkopf-Motor. Ob eine Serienfertigung anlief, ist nicht bekannt.

Halb- und Vollkettenfahrzeuge:

Citroen, Brüssel, fertigte 1934 einige Halbkettenfahrzeuge seines Typs P14 als Zugkraftwagen für mittlere Feldgeschütze. 1936 folgten einige P 19 als Stabsfahrzeug für die Armee. Über die produzierte Zahl ist jeweils nichts bekannt, möglicherweise wurden alle Fahrzeuge in Frankreich vorgefertigt und in Belgien lediglich montiert.

Familleureux, Brüssel: Diese 1935 gegründete Firma stellte in Lizenz der englischen Firma Vickers ungepanzerte und gepanzerte Kettenfahrzeuge für die belgische Armee her:
Pak-Selbstfahrlafette auf Fahrgestell Vickers-Carden-Loyd:  Ca. 50 Stück von 1935-6
Familleureux T13: 47mm Pak im Drehturm, 1939-40: 255 (oder nur ca.150?) Stück
Tracteur-Chenillette Vickers-Carden-Loyd (gepanzerte Zugmaschine): über 600 Stück ab 1936, möglicherweise einige aus Teilen auch noch nach Juni 1940 bis 1941 deutscherseits zusammengebaut