Japans Automobilanfänge

Japan hatte zwar in einigen Bereichen der der Schwerindustrie ab etwa 1914 in technisch-konstruktiver Hinsicht den europäischen Standard erreicht, Automobilherstellung gab es indessen – von einigen Einzelexemplaren abgesehen- eigentlich bis Anfang der Zwanzigerjahre quasi gar nicht und anschließend bis etwa 1932 nur in außerordentlich spärlichem Umfang. Die Entwicklung der Automobilindustrie in Japan bis etwa 1919 verlief wie folgt:
1902: Joschida & Uchijama: Das erste Auto in Japan: Mit importiertem US-2Zyl.-12-PS-Motor (nach Clymer, Risdon S.144)
1903: Zweites Auto von Joschida/Yoshida: (12-Sitzer Bus) mit importiertem US-2Zyl.-18-PS-Motor (nach Clymer), nach Norbye kein Bus, sondern ein Taxi. Nach Risdon S.144/5 Omnibus, aber erst 1905 gebaut.
1904: Yamaba, Okajama: Prototyp eines Dampfautos (Risdon S.139)
1907: Drittes Auto, von Joschida & Uchijama in 17 (nach Clymer) oder 12 (nach Ruiz) oder max. 12 (Risdon S.145)oder 10 (nach Norbye) Stück bis 1909 gebaut, Name: „Takuri“, 2 Zyl., 1.837 ccm (3,875 x 4,75″?), 12 HP, Motor US-amerikanisch (Ruiz), Typ 3: PKW, Typ 4: Lieferwagen (Risdon)
1908: ein Auto v. Jonejama, Tokio, 8 HP (Clymer, Norbye)
1909: ein Auto von Miyata (Clymer, Norbye)
1909 – 1912: Eine Firma „Tokio Kunisue“stellt Autos her (nach Risdon Bd.1 S.138):
– 1909: ein Auto  2 Zyl. Zweitaktmotor mit 1300 ccm und 8 PS, sonst unbekannte Daten, 1910 folgen ein oder mehrere Phaetons mit gleichem Motor (so auch Ruiz)
– 1910-11: Ein Kleinwagen mit 5 HP und sonst unbekannten Daten, unbekannte (wohl sehr geringe) Anzahl
– 1911-12: Wagen mit 3656 ccm und 16-18 HP in unbekannter wohl geringer Anzahl
1910: Die Armee gibt beim Arsenal Osaka den Auftrag zum Bau von min. 3 LKW für das Heer für Versuche (Vanderveen, Directory to 1940 S.264), nach a.A. waren es 4 Stück 1911 in den Arsenalen Tokio und Osaka.
1910 (ca.):  In Tokio gibt es 100 Autos meist britischen Ursprungs, 28 weitere werden in diesem Jahr von Großbritannien nach Japan exportiert (Norbye).
1911: Erster Vierzylinder von Tokyo Kunisue, 1,3l 16-18 PS , Einzelstück oder Kleinstserie (Ruiz)
1912: Haschimoto „DAT“: 2 Zyl., 10 PS, 6 Stück 1913-16 gebaut (Cusumano S.33)
1916: Yano, Fukuoka:  Prototyp eines Kleinwagens „Arrow“ mit 2-Zylinder-Motor, 1054 ccm, 10-12PS, viele De-Dion-Teile (Risdon S.142, 143)

Für die Folgezeit sei auf die einzelnen Firmen (s.u.) verwiesen.

Allgemeine Gesamtstatistik:

Es gibt zur japanischen Automobilindustrie mehrere Statistiken:
– für alle japanischen Kraftfahrzeuge (PKW und LKW) außer Dreirädern, beginnend 1926
– PKW, ab 1936: aus irgendwelchen Gründen sind aber in dieser Statistik offenbar die Erzeugnisse der Firma Datsun nicht mitgezählt
– LKW und Busse, ab 1930, diese ab 1936 aufgegliedert in
– Kleinst-Lieferwagen
– 2-Tonner
– 4-Tonner
– Busse
– Dreirad-Lieferwagen, ab 1930
– Montagen US-amerikanischer Modelle, PKW und LKW, 1925 bis 1938

Die Statistiken entstammen verschiedenen Quellen, unter anderem dem USSBS (United States Strategic Bombing Survey, angelegt unmittelbar nach dem Krieg zur Untersuchung der Frage, in welchem Umfang die Bombardierung des Feindeslandes wirtschaftliche Auswirkungen auf die Kriegsproduktion hatte) und anderen wohl meist amerikanischen Ursprungs, entstammen also dem, was die Amerikaner 1945 an Dokumenten in Japan vorfanden oder was ihnen Japaner erzählten.

Kritik zu den Gesamtstatistiken:

Das bei Cusumano wie auch bei Clymer veröffentlichte Zahlenmaterial ist offenbar zumindest zur PKW-Fertigung unvollständig: Offenkundig nicht mitgezählt sind PKW mit weniger als 750 ccm Hubraum, ferner das Militärfahrzeug 4×4 von Kurogane (und wohl auch alle anderen Militärfahrzeuge). Es errechnet sich, daß vor allem 1936 und 1937 jeweils weitere ca. 750 PKW mit über 1 l Hubraum produziert worden sind, vermutlich von den Firmen Kyoho, Nikko, Rokko und Wakaba, von denen ich aber –außer dem Artikel von Norbye- keinerlei Nachweise habe, nicht einmal in der „Beaulieu Encyclopedia“.

Ob die an das Militär gelieferten PKW als „commercial cars“ bei den LKW mitgezählt wurden (ähnlich wie in USA und Großbritannien) oder ob sie in offiziellen Statistiken, weil geheim, nicht auftauchen (wie in Deutschland, Tschechoslowakei oder Polen), wird frühestens geklärt werden können, falls mir dereinst exakte Zahlen zur Produktion der Fahrzeuge von Ischikawajima/Sumida und Isuzu vorliegen sollten: Dort müssen ebenfalls große Mengen an LKW, vor allem vom Militär-LKW Typ 94, produziert worden sein, alle amerikanischen Quellen nennen diesen LKW als den Standard-LKW der japanischen Streitkräfte.

Zu beachten ist weiter, daß das japanische Kalenderjahr im März beginnt und endet, und daß aus den Statistiken nicht hervorgeht, ob die Produktionszahlen sich auf das japanische oder das gregorianische Kalenderjahr beziehen.

Für weitere Verwirrung sorgen die unterschiedlichen Schreibweisen der Firmennamen (englische/ französische/ deutsche Transskription) und die ständige Änderung derselben durch Fusionen, Umbenennung etc.

1938 -nach Ausbruch des japanisch-chinesischen Krieges- mußten in Japan Rohstoffe rationiert werden. Zahlreiche kleinere Automobilbauer konnten nicht mehr mit Rohstoffen beliefert werden und gingen daher in der Folgezeit (1938/9) ein; so erklärt sich das Sterben zahlreicher kleinerer Marken Ende der Dreißigerjahre.

Quellen:

Cusumano, Michael A: The Japanese Autombile Industry, Cambridge (Massa.) u. London 1985: enthält vor allem interessante Produktionstabellen zu Toyota und Nissan/Datsun
Clymer, Floyd: Complete Catalog of Japanese Motor Vehicles, Los Angeles 1961: Das Werk befaßt sich in erster Linie mit um 1961 gefertigten Automobilen, enthält aber im Vorspann auch Tabellen zur Vorlriegs-Produktion
Ruiz, Marco: The Japanese Car, New York 1986, enthält auch einiges zu den Anfängen japanischer Automobilproduktion, ist aber mit Vorsicht zu genießen.
Norbye, Jan P: The Japanese Auto Industry, in Automobile Quaterly Jahrgang 38 Bd.2 S.31ff:
Enthält einige Angaben auch über Firmen, die es offenbar nie gab
Risdom, Jeremy (Ed.): Pomchi Book of Cars, Vans and Light Trucks Vol.1 (1902-34), Vol.2 (1935-39), Vol.3 (1940-49), Vol.4 (1950-53), Vol.5 (1954-55), Yate, U.K., 2017ff, ist wohl das ausführlichste Werk zu den japanischen Automobilen bis 1945: Der Autor hat offensichtlich vor allem auch japanische Quellen benutzt, die hier erfolgte Vorstellung der einzelnen Firmen und deren Typen ist wohl das derzeit Exakteste auf dem Markt. Bedauerlicherweise wird allerdings die häufig sehr verwirrende Firmengeschichte recht knapp abgehandelt, sodaß hier manches offen bleibt. Ebenso sind kaum Angaben zu Stückzahlen zu finden.

Ich habe den Stoff in fünf Tabellen geteilt: